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fallhoehe.de

Kernkraft und die Schönheit von Schäfchenwolken

Eingestellt am 31. März 2011 um 10:44 Uhr

Hallo Mädels,

momentan verbringe ich viel Zeit damit, Nachrichtensendungen über Japan zu sehen.
Jede Minute verstärkt sich meine Erkenntnis, dass ich nichts kapiere.
Wie kann der Mensch überhaupt auf dieser Welt überleben?
Will er das überhaupt?
Wie das sein kann, das so langsam und faszinierend wirkende Wellen eines Tsunamies alles, aber wirklich alles kaputtschlagen können?
Wie kann die Erde unter unseren Füßen, die wir auch Terra firma (Festland) nennen, beben?

Sicher. Der Mensch hat vorsichtshalber die Natur aus seinem täglichen Denken ausgeschlossen. Uns geht es doch nur um komplizierte Geldmärkte, Handybedienungsanleitungen, Scheidungsanwälte, Hochzeitsmoden und Kindergartenplatzreservierungen.

Die Bombe auf Hiroshima war das erschreckende Werk menschlicher Aggression am Ende einer langen komplizierten Reihe von anderen menschlichen Aggressionen. Irgendwie schien uns das bis heute zu beruhigen.
Tsunamie, Wirbelstürme, Erbeben hingegen sind unvorstellbar unmenschliche Naturkatastrophen, die man nicht planen kann.

Aber was ist ein kaputtes Atomkraftwerk? Ach, Entschuldigung, das heisst ja gar nicht Atomkraftwerk, das heisst Kernkraftwerk!
Und was ist das? Ist das eine Naturkatastrophe? Würde das nicht bedeuten, dass der Mensch als solcher eine Naturkatastrophe darstellt?

Ich war süße sechzehn Jahre als uns das ukrainische Kernkraftwerk Tschernobyl um die Ohren geflogen ist. Ich weiss noch genau, dass das eine Zeit war, in der ich nicht draußen spielen durfte. Aber mit sechzehn Jahren trifft einen grüblerischen Teeny diese mütterliche Schutzanordnung wenig. Denn ich beugte mich zu der Zeit bereits über Unmengen an Ringbuchblöcken und schrieb sie Seite für Seite voll mit kleinen Erzählungen und war um keine bescheuerte Ausrede verlegen, wenn meine Mama fragte, was ich denn da so schrieb. Meine Mutter glaubte zu dem Zeitpunkt, unser Deutschlehrer sei ein grausamer Mann, der uns Schüler gemeinerweise bombardiere mit unfassbaren gigantischen Schreibhausaufgaben.
Als ich einmal im Regen nach Hause kam, hat meine Mutter sich furchtbar aufgeregt. Ich musste sofort stundenlang und sehr heiß duschen, sie nahm meine Kleidung und stopfte sie augenblicklich in die Waschmaschine. Heute überlege ich ernsthaft, ob sie dabei eine Atemschutzmaske trug und ein Strahlenmessgerät in der Hand hielt. Wie würde ich heute reagieren? Definitiv schlimmer.

Nun haben wir Fukushima. Es klingt ja schon ein bisschen nach Hiroshima.
Das Gefühl, einer Sache auch dann nicht zu entgehen, wenn sie auf der anderen Seite der Welt geschieht, scheint der Mensch allerdings endlich verinnerlicht zu haben, das gibt mir Hoffnung.
Ein Erbeben und ein Tsunamie als kleine Garnierung einer Atom-Katastrophe biblischen Ausmaßes. Würde heute die Bibel geschrieben, wären die zehn Plagen ein kleines Warmlaufen gegen dieses Endzeit-Szenario.
Ein Tsunamie der so in niedagewesener Form auf unzähligen Handys lückenlos aufgenommen wurde.
Wird uns je wieder ein derartiges Doku-Material geboten werden können? Wird je eine vergleichbare Katastrophe uns so ins Herz treffen, nachdem wir uns an diesen Bildern bereits stumpf gesehen haben?
Schockieren kann man die Zuschauer nun nicht mehr. Es macht den Nachrichtensendern sichlich Mühe, jeden Tag noch eine Katastrophenstufe höher zu klettern. Es gehen einem schon lange die Superlative aus.

Kernkraft. Seid mir nicht böse, aber ich bin nicht grundsätzlich dagegen. Das ist der Banker in mir, der gelernt hat, soziale, ökologische Ideen mit wirtschaftlichen Realitäten gegeneinander aufzuwiegen.
Genauso wie ich manche Wirtschaftsmodelle wunderbar finde, so weiss ich auch, dass sie komplett unrealistisch sind. Ebenso ist es unrealistisch, sechzig Jahre Atomkraft, die ja Kernkraft heißt, mit einem Knipps auszuschalten.
Der Mensch muss mal lernen, langfristig zu denken, dann kommt er sicher mal auf ganz tolle Ideen! Aber so lange Medien die Wähler ganz wuschig machen und der Wutbürger zuweilen auch einfach mal ein bisschen zu viel des Guten auf einmal wütet und dann hinterher bei der Lösungssuche einfach nach Hause geht und hofft, es würde schon alles im Sinne seiner Wut erledigt, klappt das nicht. Nicht mit und nicht sofort ohne.

Kernkraft. Was ist das denn überhaupt?
Zum Glück gibt es Ranga Yogeshwar, Sohn eines indischen Ingenieurs und einer luxemburgischen Kunsthistorikerin, ein Fernsehmoderator, der schlauer ist als so ziemlich alles was, so rumläuft.
Er ist bislang meiner Meinung nach außerhalb meiner Familie der einzige Mann, der mir alles erklären kann. Mit einem Textmarker, einem Wasserglas und einem Sektkühler erklärte er das Prinzip eines Siedewassereaktors. Da der Mann eine so panikvermeidende Stimme hat, blieb bei mir das Alptraumszenario in meinem Kopf unter Kontrolle. Er zählte auf, was so alles los ist bei der tödlichen Radioaktivität. Cäsium, Jod, Plutonium, Uran. Ach, was der nicht alles weiß.
Was Herr Yogeshwar wie kein anderer zu veranschaulichen weiß, ist die Funktionsweise von Graphitreaktor, Leichtwasserreaktor, Schwerwasserraktor, inhärent sicheren (was für ein Quatsch!) Hochtemperaturreaktor und natürlich den Siedewasserreaktor, der nun in Japan so vorbildlich den vier- bis sechsfachen GAU demonstriert.
Ranga stellte mir auch Herrn Rolf Sievert, den schwedischen Mediziner und Physiker, vor, nach dem diese ganze Scheiße benannt wird, die die japanischen Helden gerade umbringt.

Ich frage mich (das nur am Rande): Wenn ich Physiker wäre, würde ich das gutheißen, wenn mein Name unlöschbar mit etwas so Tödlichem in Verbindung gebracht würde? Würde ich bei der Benennung von Krankheitserregern oder Bemessung von einer tödlichen Strahlendosis nicht lieber den Namen meines größten Feindes angeben? Oder wenigstens den eines doofen Nachbarn?

Und nun weiß ich plötzlich durch Ranga so viel, was ich nicht wissen will und was mich nicht weiterbringt. So weiß ich zum Beispiel, wieviel Millisievert man normalerweise pro Jahr aufnimmt und wieviel man pro Stunde keinesfalls aufnehmen darf.
Ich weiß jetzt was Dosimetrie ist. Ich kann diverse Halbwertzeiten aufsagen, die so lang sind, dass es lachhaft ist, das überhaupt zu erwähnen. Ich weiß, dass Kernschmelze das Allerchlimmste ist und dass man einen kaputten Reaktor nicht reparieren kann, wie ein kaputtes Fahrrad.

Ich kann nur meine Kinder fest in den Arm nehmen. Und froh sein, dass ich sie hab. Über mehr kann man heutzutage kaum noch froh sein.


In diesem Sinne
MilliAngie = Die Maßeinheit für die Schönheit von Schäfchenwolken an einem blauen Himmel